Deutschland streitet über die Bettkantenentscheidung. Darum geht es: Ich wache auf, ich fühle mich ein bisschen angeschlagen. Ich sitze auf der Bettkante und überlege: Melde ich mich krank oder gehe ich arbeiten?
Die Bettkantenentscheidung. Zwischen krank und leistungsfähig.
Als Führungskraft war mir immer wichtig, dass meine Mitarbeitenden meine Haltung kennen:
🔹 Punkt 1 – 7: Natürlich geht Gesundheit vor – die eigene und die von Familienmitgliedern. Immer.
🔹 Punkt 8: Bitte kommt nicht ins Büro, wenn es nur den Anflug von Ansteckungsgefahr gibt. Das hilft niemanden.
🔹 Punkt 9: Wenn irgendwie möglich: Gebt frühestmöglich Bescheid, damit wir die Arbeit, die nicht aufgeschoben werden kann, organisieren können.
🔹 Punkt 10: Scheut euch nicht nach persönlicher Hilfe zu fragen, Kolleg:innen können auch für euch zur Apotheke fahren.
Das ist Fürsorgepflicht bis hin zu aufrichtigem Caring. Darauf sollen alle Mitarbeitenden vertrauen können. Diese Gewissheit sollten alle spüren, die es etwas stärker erwischt, als sich „etwas angeschlagen“ zu fühlen.
Wie aber letztendlich die Entscheidung derer ausfällt, die „nur“ leicht schwächelnd vor der Bettkantenentscheidung stehen, hängt aus meiner Erfahrung darüber hinaus stark von Leadership und damit der Unternehmenskultur insgesamt ab:
Ich stelle mir das einmal vor – der Büroangestellte Simon aus einem Konzern sitzt auf der Bettkante.
Er überlegt und wägt ab: Was steht heute auf der Agenda?
🔹 Townhall mit den Vorständen
– Zurück in die Laken: Das kann ich mir sparen, ist sowieso einstudiert und abwiegelnd.
– Simon steht auf: Ist immer spannend, voller Neuigkeiten, die Diskussion danach will ich nicht verpassen. Außerdem eine tolle Gelegenheit, viele Kolleg:innen zu treffen.
🔹 Projektkick-off im interdisziplinären Team
– Zurück in die Laken: Der zehnte Versuch, das wird sowieso nichts.
– Simon steht auf: Das haben Sven und Lena organisiert, das kann nur großartig werden.
🔹 Die Kundenpräsentation fertigstellen
– Zurück in die Laken: Ich bin an ein paar Stellen unsicher, ich weiß nicht, wen ich fragen soll, Präsentation wird nicht fertig. Das gibt Ärger.
– Simon steht auf: Da brauche ich noch etwas Input von Kolleg:innen. Ich werde sicher einige finden, die mich unterstützen.
🔹 Nina wollte ihre Rede vor mir proben
– Zurück in die Laken: Die findet vielleicht jemand anderen. So wichtig ist das auch nicht.
– Simon steht auf: Nina will ich nicht hängen lassen, sie ist auch immer für mich da. Das können wir auch nicht virtuell proben.
Aus meiner Sicht ist die Kausalität eindeutig: Führung prägt die Unternehmenskultur. Diese beeinflusst die täglichen Bettkantenentscheidungen – und damit unmittelbar unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Zuerst auf LinkedIn veröffentlicht

